
Das Arbeitsjournal : ein Ort für dich allein. Dort kannst du schreiben, was du willst, wie du es willst, ohne Angst vor Kritik oder Urteile. Die Gelegenheit, Gedanken zu klären.
„Als ich meine Abschlussarbeit geschrieben habe, habe ich erst gegen Ende meines Textes angefangen, mein Thema zu verstehen. Meine Arbeit war einer Rohfassung ähnlich, obwohl ich sehr lange daran geschrieben hatte. Eigentlich hätte ich sie neu schreiben sollen, aber ich hatte keine Zeit mehr. Ich verstehe nicht, was mir da passiert ist, da ich alles ganz gut vorbereitet hatte. Das will ich mit der Diss auf keinen Fall wieder erleben“, sagte Fynn.
Wenn du diese Erfahrung nicht erleben willst, dann lies diesen Beitrag. Er verrät dir ein unabdingbares Werkzeug, um Gedanken zu strukturieren.
Der typische Fehler von Promovierenden ist es, nie zu schreiben. Man recherchiert, liest, macht sich Notizen; man überlegt und spricht viel über sein Thema – aber schreiben beschänkt sich oft auf ein paar Stichwörter hier und da.
Dabei zeigt Fynns Erfahrung, dass man die eigenen Gedanken erst versteht, wenn man zu schreiben beginnt. Warum ist das so?
Schreiben macht Gedanken sichtbar, so dass man sie aussortieren, klären und strukturieren kann – das ist viel leichter, als wenn der Prozess nur mental stattfindet. Man kann die Gedanken auch wieder lesen, verbessern, entwickeln – kurz: Schreiben hinterlässt Spuren.
Gedanken sind selten gleich strukturiert. Sie sind meistens das Ergebnis von vielem Denken und Nachdenken, von Diskutieren, von Lesen… und von Schreiben. Damit wird das anfängliche Durcheinander sortiert und geordnet. Strukturierung bedarf Arbeit – und Schreiben unterstützt diesen Prozess.
Der wohl größte Fehler von Studenten und Doktoranden ist es, gleich strukturiert und präzise schreiben zu wollen, obwohl ihre Gedanken noch unklar sind. Sie versuchen, gleich in der sog. äußeren Sprache zu schreiben – und überspringen dabei einen wesentlichen Schritt: den Schritt der inneren Sprache.
Worum geht es ?
Die innere Sprache entspricht dem Moment, in dem ich mein Thema erkunde. Ich bin in einem inneren Dialog, benutze vielleicht eine eigene Sprache mit Wörtern, die ich selbst erfunden habe oder mit Sprachen, die ich vermische. Ich denke schnell, habe dabei nicht immer Zeit, meine Gedanken in Worte zu fassen – geschweige denn fertige, strukturierte Sätze zu denken. Wozu denn auch? Ich verstehe mich gut.
Weil ich so schnell denke, springe ich von einem Thema zum anderen, manchmal auf scheinbar unlogischer Art und Weise. Das menschliche Gehirn hat seine eigene Logik, die nicht immer der wissenschaftlichen Logik entspricht.
Manchmal denke ich in Bildern: ich sehe das «Ding» so klar… aber ich finde keine Worte, um «es» zu erklären.
Oder ich habe einen Geistesblitz: In einer Sekunde erfasse ich einen komplexen Prozess. Wörter habe ich dafür nicht –ich brauche sie auch nicht. Ich habe den Prozess ja verstanden.
In der inneren Sprache wimmelt es auch von Emotionen: Gedanken mischen sich mit Gefühlen (wie: Liebe für diesen Autor, Hass für dieses Thema, Wut bei diesem anderen…).
Solange ich mit mir allein rede, ist das Thema einigermaßen klar: Ich bin in der inneren Sprache.
Erst wenn ich mein Thema für mich geklärt und es verstanden habe kann ich mich in der sog. äußeren Sprache ausdrücken.
Die äußere Sprache ist adressatenorientiert. Sie besteht aus strukturierten, logisch aufeinanderfolgenden Sätzen, aus präzisen Termini.
Bilder, Gefühle und Intuitionen werden in für den Leser verständliche Begriffe und logische Argumentationsketten übersetzt.
Der Sprung von der inneren in die äußere Sprache ist schwer, wenn er übergangslos geschieht – nach dem Motto: Ich habe drei Jahre recherchiert, nie geschrieben, und jetzt will ich gleich anfangen, meine Diss zu schreiben. Wie soll ich ohne jeglichen Übergang all diese Gedankensprünge, Bilder, Intuitionen, Gefühle in einer wissenschaftlichen (bzw. äußeren) Sprache ausdrücken?
Dann beginnt das Kopfzerbrechen: Wie strukturiere ich meine Gedanken? Wie erstelle ich meine Gliederung?
Ist die Gliederung einigermaßen akzeptabel, fängt man an zu schreiben – manche sogar ohne Gliederung.
Dann geschieht oft das, was Fynn oben beschrieben hat: Der Text zielt zwar darauf ab, einem Leser eigene Gedankengänge verständlich zu erklären. Aber wie soll ich einem Dritten etwas erklären, das ich selbst noch nicht ganz begreife?
Der Fehler von Fynn war, in der äußeren Sprache schreiben zu wollen, während seine Gedanken sich noch in einem Chaoszustand befanden. Er schrieb in einer Mischung aus innerer und äußerer Sprache: Er verbot sich die Freiheit, in der inneren Sprache zu schreiben – also unschön und chaotisch – konnte sich aber in der äußeren Sprache kaum ausdrücken. Seine Gedanken klärten sich peu à peu.
Es hätte sich für Fynn gelohnt, seine Gedanken (zumindest größtenteils) zu klären, bevor er sich an seinen Text heranmachte. Zum Beispiel in einem Arbeitsjournal.
Besonders bei der Vorbereitung einer Dissertation ist es vital, in der inneren Sprache zu schreiben. Das bedeutet keineswegs, dass du deine Dissertation zunächst in der inneren Sprache schreibst, um sie dann in die äußere Sprache zu übersetzen! Das würde viel zu viel Zeit in Anspruch nehmen.
Das bedeutet eher, dass du während deiner Forschungszeit kontinuierlich schreiben sollten. So dass dein Thema für dich klar ist und die Gedanken größtenteils geordnet und deutlich sind, wenn du dich an dein Manuskript setzen,
Dafür gibt es ein unabdingbares Werkzeug für Promovierende: das Arbeitsjournal oder wissenschaftliche Tagebuch.
Es ist ein Papierheft im Format A4 oder A5. Vermeide kleinere Formate, weil du sonst nicht motiviert sein werden, längere Texte zu schreiben. Dabei muss man manchmal längere Texte schreiben, um einen einzigen interessanten Gedanken zu produzieren.

Denn wertvolle Gedanken sind wie Goldpailletten: Sie liegen selten sofort sichtbar und greifbar am Bachufer. Meistens muss man sie suchen, indem man den Sand immer wieder wegschüttet und ausspült.
Dann, mit etwas Glück, findet man am Boden der Goldpfanne einen Goldflitter.
Dasselbe gilt für klare Gedanken: Sie werden zunächst in einer unförmigen Masse produziert. Je mehr Überflüssiges man durchstreicht, desto mehr nimmt der Gedanke Gestalt an.
Das Arbeitsjournal bietet dir einen Raum, in dem du deine Gedanken aufschreiben können. Das kann zunächst formlos und chaotisch sein und muss noch nicht schön, korrekt oder elegant sein. An dieser Stelle schreibst du zunächst nur für dich selbst.
Der Bildschirm strengt deine Augen an. Angestrengte Augen sind für ein klares Denken nicht förderlich.
Das Layout des auf dem Bildschirm erscheinenden Textes ist perfekt, so dass du dir vielleicht unbewusstverbieten, chaotisch oder einfach «schlecht» zu schreiben.
Du hast vielleicht schon beobachtet, dass dir die besten Gedanken nicht unbedingt am Schreibtisch kommen. Interessante Ideen fallen dir oft ein, wenn du entspannt bist – z.B. beim Spaziergang, bei einer Diskussion oder manchmal sogar im Traum.
Um Gedanken zu klären, reichen ein paar Schlagwörter auf einem Stück Papier nicht aus. Denn Gedanken entstehen aus der Interaktion von Wôrtern. Du brauchst Sätze, um sich gestalten zu können.
Gedanken sind flüchtig. Werden sie nicht sofort aufgegriffen, entschwinden sie. Darum solltest du sie sofort niederschreiben. Am besten in einem gebundenen Heft, so dass nichts verloren gehen kann.

Du kannst aber auch über Alltagsgeschehnisse schreiben, darüber reflektieren – denn was du erlebst, prägt und beeinflusst, bewusst oder unbewusst, dein Verständnis von Sachverhalten. Selbst beim Basketballspielen kannst du eine Eingebung für dein Thema bekommen.
Es lohnt sich ebenfalls Träume aufzuschreiben. Oft beinhalten sie Elemente, die sich nicht gleich entziffern lassen, die aber beim Schreiben plötzlich einen Sinn ergeben.
Übung macht den Meister.
Wenn du regelmäßig im Arbeitsjournal schreibst, wirst du deutliche Fortschritte feststellen:
Schreiben wird zur Routine.
Du wirst Zeit haben, deine Gedanken zu klären und zu überprüfen. Denn manche mögen genial aussehen, geht man ihnen aber nach, merkt man oft, dass sie in eine Sackgasse führen. Das solltest du lieber im Arbeitsjournal, als beim Schreiben der Dissertation erleben.
Schreib regelmäßig und frei, ohne Dokumente und Zitate, dann wirst du deine eigene Position im wissenschaftlichen Diskurs finden. Und dabei dein Selbstbewusstsein stärken.
Regelmäßiges Schreiben unterstützt das Denken: Schwache Gedanken fallen ab, während kräftige Gedanken sich herauskristallisieren und stärker werden. Sie strukturieren sich peu à peu. So wird dir die Erstellung deiner Gliederung und das Schreiben deiner Dissertation leichter fallen, als wenn du dein Thema erst beim Schreiben deines Manuskripts schriftlich entdeckst – so wie Fynn bei seiner Magisterarbeit.
Denn Fynn hatte nie geschrieben, bevor er seine Abschlussarbeit zu schreiben begann. Der Denkprozess, der eigentlich im Arbeitsjournal hätte stattfinden sollen, fand direkt in der Endfassung statt. Da Schreiben die Gedankenklärung unterstützt, konnte er sein Thema am Ende gut verstehen. Aber die Rohfassungsqualität seines Textes spiegelte leider nicht die Qualität seiner Forschungsarbeit wider.
Warte mit dem Schreiben nicht bis zu dem Tag, an dem du anfangst wirst, deine Dissertation zu schreiben! Fang gleich an, am besten in einem Arbeitsjoural!
Schreiben im Arbeitsjournal ist gut, aber nicht ausreichend: Nimm dir Zeit, um wieder zu lesen, was du produziert hast. Je nachdem wie viel du schreibst, einmal die Woche, oder einmal im Monat, geh deine letzten Textstücke durch und filter heraus, was wertvoll klingt: Denn nicht alles, was du hervorgebracht hast, ist gleich wichtig. Aber hier und da könnten Gedankensamen liegen, die du bearbeiten willst.
Tu bitte nicht, was manche Doktoranden machen: du schreibst viel in deinem Arbeitsjournal, liest aber nie darin, bis zum Tag, an dem sie anfangen willst, deine Diss zu schreiben: Manches ist unverständlich, vieles ist überholt… und manche Ideen wären wertvoll gewesen, hätten du sie gleich benutzt, sei es um ein Experiment, ein Interview oder einen Text zu schreiben. Zwei Jahre später, wenn die Zeit nun drängt, stellen diese Ideen jedoch nur noch eine zusätzliche Quelle von Frust dar. Hätte ich nur das gemacht!
Das Arbeitsjournal kann sogar deine Dissertatin retten!
Nachdem Tamara, Chemiedoktorandin, eine Schreibwerkstatt für Promotionsanfänger besuchte, begann sie, ein Arbeitsjournal zu führen. Ich traf sie zwei Jahre später, als sie dabei war, mit dem Schreiben ihrer Dissertation zu beginnen ; sie erzählte mir Folgendes: Nach etwa 20 Monaten Promotion bin ich in ein Motivationsloch gefallen. Ich wollte sie aufgeben. Beim Aufräumen kam mir plötzlich mein Arbeitsjournal zwischen die Finger. Ich fing an, es durchzublättern. Da sah ich alles, was ich schon getan, gedacht, gesammelt hatte. Dann wurde mir bewusst, wie viel ich schon über das Thema wusste. Und das sollte alles für die Katz gewesen sein? Auf einmal fühlte ich mich wieder motiviert, an meinem Forschungsprojekt weiter zu arbeiten.
Wenn du ein Haus baust, fängst du nicht mit der Verschönerung der Fassade an, sondern mit dem Grundbau. Werden die Fundamente nicht richtig gesetzt, wird dein Haus, so schön es auch sein mag, nicht lange halten. Also arbeite am Fundament deines Hauses «Dissertation»: Schreib, um solide Gedanken zu erstellen!
Behalt bitte Folgendes im Kopf: Gedanken zu klären ist nicht so schwer, wenn man sich Zeit – und Raum – dafür nimmt. Wenn du deine Gedanken erst einmal in der inneren Sprache schreibst, werden sie sich allmählich klären und ordnen. Dann ist das Schreiben in der äußeren Sprache leichter – und oft eine Genussquelle. Denn das Quälende beim Schreiben liegt an der Unfähigeit, Sachen strukturiert darzustellen, während sie im Kopf alle durcheinander sind.
Jetzt bist du dran: Egal ob du erst gestern angefangen hast zu promovieren, oder morgen anfangen wirst, deine Dissertation zu schreiben: Leg dir gleich ein Papierheft an und beginn mit deinem Arbeitsjournal! Und wenn du mal eins hatteest und beiseite gelegt hast: Mach es auf und fang an, etwas zu schreiben!
Ich wünsche dir viel Freude mit deinem Arbeitsjournal!

Martha Boeglin
Promovierte Philosophin, begleite ich seit über 23 Jahren Doktorand*innen bei ihrer Dissertation – über 10.000 bis heute.
Mein Ansatz: 100 % praxisorientiert. Meine Trainings helfen, Gedanken zu strukturieren, und geben eine Methode für schnelleres, klareres, flüssigeres Schreiben.
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