Nein: ein Wort, das Sie beim Promovieren unbedingt brauchen!

Nein sagen, Diss schreiben

Sind Sie immer und für jeden verfügbar? Sagen Sie zu jeder Anfrage „Ja“? Vorsicht: Irgendwann werden Sie Ihre Einstellung ändern, weil der Abgabetermin so unerwartet schnell näher rückt. Zu wissen, wie man „Nein“ sagen kann, ist bei der Vorbereitung einer Doktorarbeit unerlässlich. Es ist nur ein kleines Wort, aber es kann Ihr Gleichgewicht – und nicht zuletzt den Erfolg Ihrer Arbeit retten.

Immer Ja sagen … eine Form von Freundlichkeit?

Gertrud, eine Doktorandin in der Schreibphase, sagt niemals Nein.

Braucht ein Kollege ihre Korrekturen? Sie korrigiert.

Benötigt Ihr Professor ihre Hilfe, um eine Konferenz zu organisieren? Sie organisiert.

Ihre Mitbewohnerin hat ihren Job verloren? Sie hört ihr zu und tröstet sie.

Gertrud sagt zu allem Ja.

Sie kann nicht Nein sagen.

Denn sie ist ein nettes Mädchen, das gerne hilft.

Sie mag es, anderen zu gefallen.

Und tut andern gern einen Gefallen.

Sie sagt, es mache sie glücklich, zu Diensten zu sein, zu gefallen, zu hören, wie die Leute ihr danken und ihr sagen, wie wertvoll sie für sie ist – das gefällt ihr.

Wenn ich mich um andere Personen kümmere, während ich mich selbst vernachlässige, behalte ich die Vernachlässigung bei und nicht die Pflege.

Thomas d’Ansembourg

Immer Ja sagen … eine Form der Prokrastination?

Was Gertrud weniger laut sagt oder sich selbst nicht eingestehen will, ist, dass sie häufig ganz froh ist, einen triftigen Grund zu haben, dem Schreiben ihrer Doktorarbeit auszuweichen.

Wenn sie nicht zum Schreiben kommt, liegt das allein an ihrem Kollegen, der immer wieder ihre Unterstützung anfordert; an ihrem Partner, der ständig ihre Anwesenheit verlangt; an ihrem sie ständig anfragenden Professor.

Sie sieht ihre Zeit davonrennen, aber die tausendundeine erbrachte Dienstleistung gibt ihr trotz allem ein gutes Gewissen.

Denn wenn sie keine Zeit fürs Schreiben erübrigen kann, ist das selbstverständlich nicht ihre Schuld.

Sie möchte und würde zwar gerne.

Aber zuerst muss sie natürlich dem Kollegen helfen, dem Freund antworten, dem Professor assistieren.

Um Ihre Doktorarbeit wird sie sich später kümmern.

Die anderen haben Vorrang.

Kurzum, wenn sie ihr Arbeit vernachlässigt, dann für einen guten Zweck.

Allein wegen der anderen, aus reinem Altruismus.

Wenn die Menschen in ihrer Umgebung das plötzliche Nein nicht verstehen

Eines Tages muss sie den Tatsachen ins Auge sehen: Die Deadline nähert sich in rasender Geschwindigkeit.

Ihre Doktorarbeit zu schreiben hat sie nur noch drei Monate Zeit.

Also fällt sie von einem Extrem ins andere.

Sie, die früher zu jedem Ja gesagt hat, fängt an, zu allem und jedem Nein zu sagen.

Aber da sie es nicht gewohnt ist, Nein zu sagen, und sehr nervös ist angesichts ihrer Fristen, fühlt sie sich schuldig und sagt nun unverblümt und abrupt Nein.

Ihre Freunde und Kollegen, behaglich daran gewöhnt, immer ein „Ja“ von ihr zu hören, verstehen sie nicht und sind schockiert. Wütend bestehen sie auf die gewohnten Dienstleistungen und nennen sie gar egoistisch.

Sie wird dafür kritisiert, plötzlich nur noch an sich selbst zu denken. Die Freunde wenden sich ab.

Um Gertrud wird es einsam.

Sie ist angewidert von der Selbstsucht der anderen, ihrer Undankbarkeit, ihrem selektiven Gedächtnis.

Gerade als sie so dringend Unterstützung braucht, sieht sie, wie die vertrauten Menschen ihr den Rücken zukehren.

Sagen Sie immer Ja, drohen turbulente Zeiten!

Die Unfähigkeit, Nein zu sagen, erweist sich als ein zeitraubendes Problem, das umso schwieriger zu lösen ist, als es die Interaktion mit Menschen betrifft, die Ihr Ja zu hören gewohnt sind.

Ihre Freunde, Bekannten und Kollegen sind an Ihre ständige Verfügbarkeit gewöhnt. Sagen Sie unerwartet Nein, so werden sie mit Unverständnis und Ärger reagieren.

Antworten Sie auf Anfragen Ihrer Freunde und Kollegen immer mit Ja, senden Sie ihnen eine klare Nachricht: Ich bin verfügbar.

Wie können sie jetzt Verständnis dafür aufbringen, dass Sie es unversehens nicht mehr sind?

Ihre Doktorarbeit als Begründung heranzuziehen wird sie nicht überzeugen – Sie sitzen schon ewig an ihrer Doktorarbeit und waren dennoch immer verfügbar. Warum also jetzt plötzlich nicht mehr?

Warten Sie nicht auf den Moment, in dem Sie sich in die Enge getrieben und deshalb gezwungen sehen, mit Nachdruck Nein zu sagen, um in Ihrem und im Interesse Ihrer Doktorarbeit zu handeln.

Wenn Sie hoffen, Ihre Mitmenschen verstünden ohne Weiteres, dass Sie am D-Day in Ruhe gelassen, von allen Anfragen verschont werden müssen, da sie sich doch an Ihre ständige Verfügbarkeit gewöhnt haben, bereiten Sie sich auf eine Zeit der Turbulenzen vor, die weder Ihre Doktorarbeit noch Sie benötigen.

Trainieren Sie die Menschen in Ihrer Umgebung,
Ihr Nein zu hören!

Wenn es Ihnen schwerfällt, Nein zu sagen, ist es höchste Zeit, sich das Neinsagen anzutrainieren.

Wenn Sie vorhaben, Ihre Abschlussarbeit in aller Ruhe zu schreiben und dabei auf die Unterstützung Ihrer Mitmenschen zählen, gewöhnen Sie sie sukzessiv daran, sich nicht in jeder Hinsicht und Situation auf Sie zu verlassen.

Erziehen Sie sie.

Und trainieren Sie insbesondere sich selbst, freundlich – aber bestimmt – Nein zu sagen: Nein heißt nein.

Gewöhnen Sie sie nach und nach daran, um Ihre (guten) Beziehungen willen – damit Ihre sozialen Kontakte erhalten bleiben, auch wenn sich Sie mitten im Schreibprozess befinden und ungestört bleiben wollen.

Auf diese Weise fällt es Ihren Mitmenschen leichter, die von Ihnen festgelegten Grenzen einzuhalten, die Zeit zu respektieren, die Sie für das Schreiben benötigen – und nicht zuletzt die Arbeit selbst, die Ihnen so wichtig ist.

Sie haben es bereits erlebt: Wenn die Zeit drängelt, dann finden Sie die nötigen Ressourcen, um konzentriert zu arbeiten.

Sie sind erstaunt über Ihre plötzliche Effizienz.

Mit dem Mut, Nein zu sagen, ist es dasselbe: Wenn Sie keine Zeit mehr zu verlieren haben, wissen Sie, wie man Nein sagt.

Bedauerlich nur ist, dass die anderen, unvorbereitet, wie sie sind, Sie in diesem Moment nicht verstehen werden.

Anstatt also zu riskieren, sie zu verprellen, ist es besser, sie nach und nach daran zu gewöhnen.

Trainieren Sie sie.

Beginnen Sie mit den kleinen Dingen – bei denen wenig auf dem Spiel steht. Nur zum Üben.

Sie sind dran!

Viel Erfolg dabei!

P.S. : Gut vorbereitet, ist halb geschrieben!

  • 27/06/2021

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