Die Doktorarbeit, der Hase – und die Schildkröte?

„Ich habe nicht genug Zeit zum Schreiben! Hätte ich bloss noch ein Jahr für meine Diss!“ Es ist wünschenswert, über viel Zeit zu verfügen … wenn diese effizient genutzt wird – wie von der Schildkröte in der Fabel. Ansonsten besteht die Gefahr, zu spät zu starten – wie der Hase.

Gertrude nimmt sich ein Jahr frei

Zuversichtlich und voller Tatendrang nimmt Gertrude sich ein Jahr frei, um ihre Doktorarbeit abzuschließen.

Ein Traum wird für sie wahr: ein Leben gewidmet allein dem Schreiben.

Endlich kann sie der Welt berichten, was sie erforscht und was sie entdeckt hat!

Ein Jahr nur für ihre Dissertation: Das wird, das muss etwas Großartiges werden! 

Sie sieht sich bereits auf Kongressen mit ihren Ideen glänzen, von Preisen überhäuft, gar in TV-Shows eingeladen …

Gertrude ist glücklich.

Gertrudes Hasen-Strategie

Noch kann sie ihre neue Freiheit kaum fassen. Alles, wovon sie geträumt, scheint möglich. Im ersten Monat genießt sie ihr neues Leben: Sie geht viel spazieren, trifft Freunde, erzählt ihnen vom Glück eines nur dem Schreiben gewidmeten Lebens.

Im zweiten Monat beginnt sie, ihre Notizen zu ordnen, sich einen Plan zurechtzulegen. Sie liest noch einige Artikel und notiert ihre Ideen in einem Moleskine-Notizbuch mit einem weichen schwarzen Kartoneinband. Alles entspricht ihrer Vorstellung: Szenenbild und Person passen perfekt zusammen. Es muss gut werden! Mit dieser Vorbereitung, so glaubt sie, schreibt sich die Arbeit von selbst.

Nachdem sie alles so wohlgeordnet, wohlüberlegt hat, beschließt sie endlich im dritten Monat, mit dem Schreiben anzufangen. Aber überraschenderweise kommt sie über diesen Beschluss nicht hinaus – es stockt aus unerfindlichen Gründen.

Die Seiten, die sie sich täglich vorgenommen, bleiben ungeschrieben, der Bildschirm leer – aber warum? In ihrem Kopf sprudelt es doch so vor Ideen.

Aber mit welchen soll sie anfangen und mit welchen fortfahren? Wo ist ihr Plan? Der, den sie mit ihrem Füllfederhalter so euphorisch wie sorgfältig in ihr Notizbuch eingetragen hat?

Sie kommt auf einen merkwürdigen, aber vielleicht verbreiteten Gedanken: Um Ordnung in ihren Kopf zu bekommen, schaut sie sich eine Serie an.

Dann noch eine.

Doch Schreiben bleibt weiterhin unmöglich – es wird zur beängstigenden, wachsenden Qual. Sie ist wie gelähmt.

Und der dritte Monat vergeht.

Gertrudes Panik

Im vierten, fünften und sechsten Monat schaut Gertrude Serien, während sie zumindest Chips und Schokoriegel erfolgreich vernichtet. Längst ist die erhoffte Klarheit einer melancholischen Apathie gewichen.

Sie steht spät auf, schläft schlecht, geht nicht mehr aus.

An ihre Doktorarbeit sich zu setzen, hat sie immer weniger Lust. Um den bedrohlichen Computer macht sie einen großen Bogen.

Wenn sie angerufen wird, antwortet sie wütend: „Ich arbeite, ich habe keine Zeit.“

Also ruft sie niemand mehr an.

Als ihre Mutter sie im April fragt, ob sie Ostern mit ihrer Familie verbringen wolle, wird Gertrude plötzlich klar, dass sie nur noch drei Monate Zeit hat, um ihre Dissertation abzugeben.

Hektisch und rabiat fängt sie an zu schreiben, was immer ihr in den Sinn kommt, ohne sich zu besinnen, ohne den Text noch einmal zu lesen.

Aber den vorbereiteten, säuberlich aufgeschriebenen Plan zu befolgen gelingt ihr nicht – was soll’s.

Zwar erkennt sie, dass das, was sie so eilig zusammenschreibt, weit hinter dem zurückbleibt, wozu sie sich fähig weiß. Aber es bleibt keine Zeit mehr – für anderes als, wenn sie ehrlich ist, Pfusch.

Gefangen im Selbsthass ist sie wütend darüber, dass sie so viele Jahre gewissenhafter Arbeit zunichte gemacht hat, weil sie …, weil sie was nicht getan hat? Sie weiß es nicht!

Und es bleibt ihr nur der zwecklos-selbstmitleidige Seufzer: Wenn ich nur mehr Zeit hätte … Nur ein bisschen mehr Zeit …

Oft werden gute, aber flatterhafte Köpfe von mittelmäßigen, aber anhaltend fleißigen, eingeholt, ja übertroffen, sagt der Dichter

Erinnern Sie sich an die Fabel von Äsop, „Die Schildkröte und der Hase“?

Eine Schildkröte, wegen ihrer Langsamkeit von einem Hasen gehöhnt, wagte es doch, ihn zu einem Wettlauf herauszufordern, den er auch, mehr aus Scherz als aus Prahlerei, annahm. Der Tag des Wettlaufs kam; das Ziel wird bestimmt, beide betreten in dem nämlichen Augenblick die Bahn.

Die Schildkröte kriecht langsam, jedoch unermüdlich fort: der Hase legt sich, um den Hohn gegen die Schildkröte aufs höchste zu treiben, nach unendlich vielen Seitensprüngen, nur noch wenige Schritte vom Ziele entfernt, in das Gras nieder und schläft aus Mattigkeit ein, bis er durch der Zuschauer lauten Jubel geweckt, die Schildkröte bereits oben an dem Ziel erblickt.

Schon sah er sie zurückkehren, ging aber aus Scham auf die Seite und gestand frei: in seinem zu großen Vertrauen auf seine Behendigkeit habe ihn das langsamste Tier von der Welt beschämt.

Oft werden gute, aber flatterhafte Köpfe von mittelmäßigen, aber anhaltend fleißigen, eingeholt, ja übertroffen.

Der Hase und Parkinson

Der Hase aus der Fabel von Äsop verkörpert auf wunderbare Weise das Parkinson’sche Gesetz.

Arbeit dehnt sich in genau dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht.

C. Northcote Parkinson

Kennen Sie das? Je mehr Zeit Sie haben, desto mehr Zeit verschwenden Sie auch: Was in einer Stunde erledigt werden könnte, dauert den ganzen Tag.

Von allem, was geschieht oder vorfällt, lassen Sie sich ablenken.  

Sie verlieren sich in unnötigen Details, Korrekturen und Verbesserungen – und zerstören häufig durch übertriebenes Polieren Ihre bisherige Arbeit, sodass Sie wieder von vorne anfangen müssen.

Oder Sie fragen sich, ob es besser wäre, es auf diese oder jene Weise zu tun.

Im Zweifelsfall gehen Sie einfach spazieren, um darüber nachzudenken.

Sie sagen sich, dass morgen ein neuer Tag ist und Sie die Dinge dann klarer sehen werden.

Dass Sie morgen in besserer Verfassung sein werden. Bestimmt!

Und dass Sie morgen, das versprechen Sie sich jedes Mal, mit dem Schreiben beginnen werden.

Die Schildkröte und Carlson

Dagegen konzentriert sich die Schildkröte auf ihr Ziel.

Nichts lenkt sie ab.

Die Schildkröte illustriert Carlsons Gesetz.

Kontinuierliche Arbeit erfordert weniger Zeit und Energie, als wenn sie ständig unterbrochen, in mehreren einzelnen Schritten ausgeführt wird.

Sune Carlson

Beim Schreiben einer Dissertation ist nichts gefährlicher als Unterbrechungen oder Multitasking. Man verliert dabei den Überblick, muss sich immer wieder neu in die Arbeit einfinden, was Zeit – und auch Energie – kostet.

Wenn Sie dagegen konzentriert und kontinuierlich arbeiten, das heißt von Anfang an schreiben, denn darin besteht das Wesentliche Ihrer Arbeit, kommen Sie effizienter und erfolgreich voran.

Natürlich geht es nicht darum, 24 Stunden am Tag ununterbrochen zu schreiben oder auch nur acht Stunden am Tag hintereinander.

Was notwendig ist, ist der Fokus aufs Schreiben – und Zeit zum Schreiben … ausschließlich zum Schreiben: keine Telefonate, keine E-Mails, kein Internet – auch keine Besuche an der Kaffeemaschine oder am Kühlschrank.

Arbeiten Sie wie eine Schildkröte, langsam, aber effektiv, werden Sie Fortschritte machen, selbst wenn Sie nur eine Stunde am Tag Zeit zum Schreiben haben. Sie werden erfolgreicher sein, als die Ihnen so beneidenswert, so genialisch erscheinenden Hasen, welche ihre so umfängliche Zeit vergeuden.

In welchem Modus wollen Sie Ihre Dissertation schreiben?

Fazit: Über viel Zeit zum Schreiben zu verfügen mag verlockend erscheinen, kann aber schnell zur Falle werden: Sie überschätzen sich, gefallen sich im genialen Gestus, trödeln gelassen und fangen einfach zu spät mit dem Schreiben an. Eben wie der Hase in der Äsopschen Fabel, der allerdings sein Rennen verschläft.

Es kommt nicht darauf an, wie viel Zeit Sie haben, sondern wie Sie diese Zeit nutzen.

Ich kenne kein so fragloses Abzeichen und Merkmal eines souveränen Geistes als Beharrlichkeit in der Absicht.

Ralph Waldo Emerson

Und Sie, wie arbeiten Sie? Im Hasemodus oder im Schildkrotenmodus?


  • 27/08/2021

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